|
Im 21. Jahrhundert die genaue Uhrzeit
zu erfahren, ist dank der modernen Technik kaum ein Problem. Vor solch
technischen Entwicklungen bestimmte aber im Allgemeinen die Turmuhr jeder
Stadt und jedes Dorfes das zeitliche Geschehen der Menschen. Das es dabei
zu Schwierigkeiten und Missverständnissen kommen kann und das der
Amtsschimmel vor zweihundert Jahren ähnlich des heutigen arbeitete,
zeigt die folgende Geschichte aus dem Jahr 1818:
"Die von Wittenberg abfahrenden Postkutschen
und Kuriere kamen regelmäßig, obwohl die Kutscher die Pferde
hetzten, zu spät in Schmiedeberg an, was in der Bevölkerung für
großen Unmut sorgte. In umgekehrter Richtung aber, von Schmiedeberg
nach Wittenberg, konnten sich die Postkutscher Zeit lassen und waren immer
zu früh da. Und merkwürdigerweise kamen die aus Schmiedeberg
kommenden Kutschen zur selben Zeit im zehn Kilometer entfernten Pretzsch
an, wie sie abgefahren waren. Nach eingehender Prüfung der Situation,
erklärten die Wittenberger Postbeamten, dass ihre Turmuhr richtig,
die in Schmiedeberg aber über ein halbe Stunde vorgehe. In Schmiedeberg
aber war man von dieser Feststellung nicht überzeugt. Da alle Streitereien
und Meinungsverschiedenheiten nichts halfen und irgendeine Uhr wohl offensichtlich
falsch ging, meldete das Wittenberger Postamt diese Angelegenheit dem königlichen
Generalpostamt in Berlin. Die "hochwichtige Angelegenheit" ging von Berlin
an die Regierung der Provinz Sachsen in Merseburg und von dort aus wurde
sie weitergeleitet an den Landrat in Wittenberg, mit der Bitte der Regierung
und des Generalpostamtes um einen entsprechenden Bericht und um Lösung
des Problems. Der Landrat beauftragte den Uhrmacher Köpke mit der
"Feststellung und Beseitigung der Differenz", die ja offensichtlich nur
in Schmiedeberg liegen konnte. Köpke lehnte den Auftrag aber dankend
mit der Begründung ab, dass er nur Kleinuhrmacher sei und Turmuhren
ihm eine Nummer zu groß sind. Er verwies den Landrat aber an Schlossermeister
Kühn, der auch die Wittenberger Turmuhr betreut. So wie heute war
es auch damals. Der Landrat hatte kein Geldmehr im Etat, so dass sich Kühn
weigerte nach Schmiedeberg zu fahren, da er um seine Entlohnung bangte.
Auch der Postmeister lehnte ab, den Schlossermeister zu bezahlen, weil
das Stellen von Turmuhren wohl nicht in sein Aufgabengebiet falle. Der
Landrat sah sich nun gezwungen härtere Mittel einzusetzen um dem Problem
Herr
zu werden. Er schrieb an Schlossermeister Kühn einen Brief, worin
er ihn aufforderte binnen acht Tagen abzureisen, ansonsten würde er
mit einer Strafe von 2 Talern belegt werden.
Ein paar Tage später traf Kühn
in Schmiedeberg mit einer Sonnenuhr im Gepäck ein. Er konnte aber
keine Beobachtungen machen, da der Himmel bewölkt war. Er fand nicht
mal eine Sonnenuhr mit einer Mittagslinie vor. Er nutze die Wartezeit zum
Bau und zum Anbringen einer Sonnenuhr. Mit dieser regulierte er dann die
Turmuhr, welche einundzwanzig Minuten vorging.
Damit war die Angelegenheit aber noch
nicht vom Tisch. Kühn schickte dem Landrat einen Bericht, verbunden
mit einer Rechnung für die vier in Schmiedeberg verbrachten Tage in
Höhe von 7 Talern. Mehr als zwanzig Schriftstücke mussten verfasst
werden, Duplikate angefertigt, gesiegelt, befördert und zu den Akten
gelegt werden bis endlich die leidige Angelegenheit über die falschgehende
Schmiedeberg Turmuhr aus der Welt geschafft war.
Aus: Warum die Post immer zu spät in Schmiedeberg ankam
|