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In früheren Jahren, ohne Auto
und Bahn oder anderen Transportmitteln, waren auch geringere Entfernungen
oft unüberwindlich. Nicht selten kam es vor, dass die Menschen ihre
nähere Umgebung nicht verließen oder gar eine Schulbildung in
einer fremden Stadt genossen. Wie es dazu kam, dass ein Ochsenhirte doch
noch an die Universität in Wittenberg kam, erzählt folgende Geschichte
aus dem Jahr 1730:
"Der alte, dreiundsiebzigjährige
Adam Gorgans hatte im Dorf Patzschwig, nahe Schmiedeberg, treu seinen Dienst
als Ochsenhirt versehen. Da er kaum eine Schulbildung genossen hatte, hatte
er auch nichts anderes gelernt. Recht und schlecht schlug er sich durchs
Leben und tat niemanden jemals etwas Böses an. Trotzdem waren zweimal
bei ihm Spitzbuben eingestiegen und hatten das Meiste seines Besitzes gestohlen.
Das konnte Adam Gorgans nicht überwinden. Der zweimalige Verlust seiner
kompletten Habseligkeiten ging ihm so sehr zu Herzen, dass er den Glauben
an die Gerechtigkeit verlor. In seiner unendlichen Verzweiflung nahm er
seiner Kuh den Strick ab und erhängte sich in Gottfried Hinneburgs
Viehstall.
Adam Gorgans war tot. Die Dorfbewohner
mussten nun für ein Begräbnis sorgen. Sollte man ihn nach der
strengen Sitte für Selbstmörder ohne Sang und Klang verscharren?
Dies konnten sie dem treuen Hirten nicht antun. Eine Botschaft über
das traurige Ereignis, verknüpft mit der Frage des Begräbnisses,
ging an das Konsistorium in Wittenberg. Die ganze Gemeinde atmete auf,
als die Antwort eintraf, dass man ihm wegen seines guten Wandels ein stilles
Begräbnis zugestand. Zu gleicher Zeit traf aber eine Nachricht des
"Anatomischen Institutes" der Universität Wittenberg ein, worin stand,
dass man für die Ausbildung junger Ärzte kranke Menschen zum
Kurieren und Tote zum Sezieren braucht. Letztere seien aber selten, denn
wer lässt seine Toten schon gern zerschneiden? Der Ortsrichter von
Patzschwig machte der trauernden Bevölkerung klar, dass ein Begräbnis
viele Kosten verursacht und dass die "Anatomie" diese Unkosten, samt der
Überführung nach Wittenberg, übernehmen wolle. Er dachte
dabei wohl auch an das viel zu kleine Gemeindesäckel. Man gab der
vielen Unkosten wegen das Einverständnis.
So gefuhr man den getreuen Adam nach
seinem Tode den weiten Weg nach Wittenberg, welches er nur dem Namen nach
gekannt hatte, denn zu seinen Lebzeiten war er kaum aus seinem Dörflein
herausgekommen. Er diente nach seinem Tode der Wissenschaft, um die er
sich in seinem langen Leben nicht gekümmert hatte, und verdiente sich
so seine Begräbniskosten.
Im "Museum Anatonicum" der Universität
Wittenberg stand Jahrzehntelang ein einem Regal der Schädelsammlung
wohlpräpariert auch der Schädel des Ochsenhirten Adam aus Patzschwig
bei Schmiedeberg."
aus: Das billige Begräbnis
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